Ein Bild und seine Geschichte: Der Löwe am Bahnhof

Ein als Löwe verkleideter Physikprofessor sitzt am 19.12.2010 an einem Gleis im Hauptbahnhof in Essen und wartet auf seine Enkelkinder, deren Zug wegen Schnee und Eis deutlich Verspätung hat. Foto: Julian Stratenschulte dpa

Bei manchen meiner Fotos werde ich immer wieder gefragt, wie das Bild entstanden ist. Häufig wird nach dem “Löwen am Bahnhof” gefragt. Am 23.11.2012 war das Foto Aufmacher im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung – ein guter Anlass um jetzt hier im Blog die Geschichte hinter dem Bild zu erzählen.

Es war der 19.12.2010 – der Winter hatte Deutschland wochenlang voll im Griff. Ich war Volontär bei der dpa Deutschen Presse-Agentur in Nordrhein-Westfalen und wohnte u.a. wegen dem Kulturhaupstadtjahr 2010 in Essen.
Meine Freundin und mein Zwillingsbruder wollten sonntagabends auf den Weihnachtsmarkt – und wie eigentlich immer nahm ich eine Kamera mit. Das ein oder andere Winter-Fotomotiv würde es schon geben bei dem dichten Schneegestöber, dachte ich mir.

Und in der Tat: Es gab reichlich Motive – zum Beispiel einen Obdachlosen:

Zwei Polizisten geleiten am 19.12.2010 einen Obdachlosen, der sein Hab und Gut in einem Einkaufswagen mitführt, über eine Straߟe in Essen. Foto: Julian Stratenschulte dpa

Nach dem Weihnachtsmarktbesuch brachten wir meinen Zwillingsbruder zum Bahnhof. Alle Züge hatten wegen dem starken Schneefall Verspätung:

Ein Mann steht am 19.12.2010 im Hauptbahnhof in Essen vor einer Anzeigetafel. Für alle Züge werden Verspätungen angezeigt – und das bis zu 140 Min. Foto: Julian Stratenschulte dpa

Nachdem mein Bruder in den Regionalexpress eingestiegen war, fotografierte ich noch die vereiste Lok:

Ein Zugführer steigt am Sonntag (19.12.2010) am Hauptbahnhof in Essen in einen vereisten Regionalexpress ein, der wegen Schnee und Eis mit deutlicher Verspätung in Essen angekommen war. Foto: Julian Stratenschulte dpa

Kaum war der Zug abgefahren, traute ich meinen Augen nicht. Am gegenüberliegenden Gleis wartete ein Löwe. Also kein echter – aber ein Mensch in einem Löwenkostüm.
Ich schoss schnell ein paar Fotos – und beeilte mich dann, zum anderen Gleis zu kommen. Ohne die Information, warum dort ein Löwe am Bahnhof sitzt, würden die Fotos nicht viel Sinn machen.

Der Löwe war männlich und sehr nett – und auf die Frage, warum er am Bahnhof in einem Löwenkostüm steht, antwortete er: “Ich überrasche meine Enkel. Die kommen mit dem Zug aus Paris und haben mehrere Stunden Verspätung.” Ob er den Schauspieler sei oder ähnliches, fragte ich. “Nein, Physikprofessor.” Ohne Maske wollte er sich nicht zeigen. “Ich bin doch ein Löwe!”

Und dann ging alles ganz schnell: Der ICE fuhr ein und der Löwe rannte mit lautem Gebrüll über den Bahnsteig.

Etwas überrascht von der Situation, schoss ich einige Bilder, wie der Löwe seine Enkel begrüßte:

Ein als Löwe verkleideter Physikprofessor begrüߟt am 19.12.2010 an einem Gleis im Hauptbahnhof in Essen seine Enkelkinder, deren Zug wegen Schnee und Eis mit deutlicher Verspätung in Essen angekommen war. Foto: Julian Stratenschulte dpa

Was für ein Zufall! Und welch schöne Geschichte für das ganze Winterchaos bei der Deutschen Bahn.

Im ganzen Getümmel im Bahnhof verlor ich den Löwen dann aus den Augen – die ganze Situation war wohl doch zu überraschend für mich gewesen. Aber egal, ich hatte ein paar Bilder im Kasten und zumindstens einige wenige Infos, um die Geschichte erzählen zu können.

Noch am späten Abend schickte ich meine Fotos in die dpa-Fotoredaktion und schon wenig später standen sie allen dpa-Kunden zur Verfügung. Am nächsten Tag kamen dann noch einige Anfragen zu den Fotos. Ein Blick in die Tageszeitungen am Dienstagmorgen war sehr erfreulich :) – vor allem die Doppelseite in der Welt Kompakt mit dem schönen Titel “Einfach mal Löwe sein” freute mich:

Auch unsere Partneragentur epa European Pressphoto Agency (verbreitet dpa-Fotos weltweit) hatte sich zwischenzeitlich gemeldet und um weitere Informationen zu den Fotos gebeten. Das “Wall Street Journal” wollte das Foto auf der Titelseite drucken.

Am nächsten Tag war dann aber ein Winterfoto vom Airport London Heathrow auf dem Titel der Europe-Edition vom “Wall Street Journal”.

Drei Tage später zeigte dann der Vater meiner Freundin einer amerikanischen Freundin meine Homepage und auch das Foto vom Löwen. “Oh, i’ve just seen the lion on the frontpage of the Wall Street Journal a few days ago”, sagte sie.

Der Löwe war als Teil einer Kombo auf dem Titel der US-Ausgabe vom “Wall Street Journal” erschienen:

Das war mein erstes Titelfoto auf einer internationalen Tageszeitung und das machte mich ziemlich stolz :)

Auch der Löwe selbst hatte seine Fotos in den Zeitungen gesehen und kontaktierte mich einige Zeit später per e-mail. Als Erinnerung schickte ich ihm noch Abzüge für ihn und seine Familie.

Der Löwe am Bahnhof – eine nette kleine Alltagsgeschichte und ich schätze mich auch jetzt noch zwei Jahre danach überaus glücklich, aus puren Zufall dem Löwen begegnet zu sein, und in dem Moment auch eine Kamera dabei gehabt zu haben.

2 Gedanken zu “Ein Bild und seine Geschichte: Der Löwe am Bahnhof

  1. Hallo Julian, eine tolle Geschichte mit interessanten Bildern. Ist immer interessant in deiner alten Heimat dein Wirken zu beobachten. Ich wünsche dir viele weitere Titelgeschichten!