Fotojournalismus Blog

Top10 – Die Geschichten hinter meinen zehn besten dpa-Fotos des Jahres 2017

Am Ende eines Jahres suche ich immer meine besten Fotos heraus, die ich für dpa Deutsche Presse-Agentur aufgenommen habe. Das sind selten Fotos des klassischen Terminjournalismus – vor allem im Wahljahr 2017. Politikerfotos zum Beispiel haben für mich aus fotografischer Sicht eher selten einen besonderen, bleibenden Wert. Meine persönlichen Lieblingsbilder des Jahres sind zumeist „Eyecatcher“. Fotos die entweder mit viel Aufwand und Vorbereitung entstehen oder ganz zufällig mit viel Glück.

Im Jahr 2017 kann ich aus weniger Fotos auswählen, als in den Vorjahren: Ich bin von Dezember 2016 bis August 2018 in Elternzeit und arbeite zwischen 50% und 70% Teilzeit, um viel Zeit mit meinem einjährigen Sohn verbringen zu können. Die Abwechslung zwischen „Papatagen“ und „Arbeitstagen“ ist ziemlich genial, denn ich habe das Gefühl mit noch mehr Energie und Kreativität fotografieren zu können. Daher gab es im Jahr 2017 auch für mich wieder einige tolle Motive. Nachfolgend meine Lieblingsbilder 2017 – auf vielfachen Wunsch mit den Entstehungsgeschichten. Viel Spaß mit meiner Top10:

10 – Das Märchenschloss

Die Luftaufnahme mit einer Drohne vom 18.01.2017 zeigt das Schloss Marienburg inmitten der von Raureif bedeckten Bäume bei Pattensen in der Region Hannover (Niedersachsen). Die im neugotischen Stil erbaute Residenz südlich von Hannover ist noch nahezu in dem Zustand, wie sie König Georg V. und seine Familie vor etwa 150 Jahren verlassen haben. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Das Schloss Marienburg inmitten eines verzauberten Winterwaldes – ein Fotomotiv wie aus einem Märchen. Am 18. Januar musste ich am frühen Morgen den Auftakt eines Gerichtsprozesses in Hildesheim fotografieren. Auf dem Weg dorthin viel mir auf, dass die gesamte Landschaft und vor allem die Bäume von extrem dichten Raureif überzogenen waren. Ich musste mich beeilen, ehe steigende Tagestemperaturen dieses Kunstwerk der Natur vergänglich werden ließen. Ich hatte sofort das Motiv der Marienburg bei Hildesheim inmitten der Winterlandschaft im Kopf. Drei Telefonate später hatte ich die Erlaubnis der Schlossverwaltung meine Drohne steigen zu lassen (neben der Allgemeinerlaubnis des Landes Niedersachsen) und wieder eine halbe Stunde später war meine DJI Phantom 3 Advanced schon in der Luft. Kurze Zeit später kam die Sonne heraus – und mein einmaliges Fotomotiv schmolz dahin…

Gedruckt wurde das Motiv am nächsten Tag in vielen Tageszeitungen. Und auch im Ausland fand das Schloss Beachtung: Nachdem das Foto im Fernsehen bei CNN zu sehen war, wurde es in Kuwait in einer Tageszeitung und in Frankreich auf einer Doppelseite im Le Figaro Magazin gedruckt:

 

 

9 – Autobahn

dpatopbilder – Die Langzeitbelichtung vom 17.01.2017 zeigt Leuchtspuren von PKW und LKW auf der Autobahn A2 an der Ausfahrt Lehrte in der Region Hannover (Niedersachsen). Das Verkehrs- und Finanzministerium rechnet mit Mehreinnahmen durch die PKW-Maut in Deutschland von 500 Millionen Euro pro Jahr. Die Opposition warnt vor einem Minusgeschäft und verweist auch auf eine Studie im Auftrag der Grünen, wonach mehr und mehr abgasarme Euro-6-Autos die Maut-Einnahmen erheblich mindern könnten. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Es gibt Themen, über die in der Politik monatelang diskutiert wird und über die Medien genauso lange berichten. Die Pkw-Maut war ein solches Thema. Dafür bedarf es immer wieder frischer Symbolbilder, mit denen die Thematik bebildert werden kann.
An einem sehr kalten Winterabend suchte ich mir eine dunkle Fußgängerbrücke über der Autobahn A2 bei Lehrte in der Region Hannover und fotografierte Langzeitbelichtungen vom fließenden Verkehr. Glücklicherweise macht die A2 an dieser Stelle eine langgezogene Kurve und eine Autobahnausfahrt sorgt für eine gewissen Dynamik.
Mit einem schweren Dreibeinstativ mache ich meist 30 Sekunden lange Belichtungen – und erst als meine Finger vor lauter Kälte den Auslöser nicht mehr drücken konnten, war ich zufrieden.
Im Jahr 2017 gehört das Foto zu meinen meistgedruckten Motiven.

 

8 – Volkswagen

Der Vorstand der Volkswagen AG mit Andreas Renschler (l-r, Nutzfahrzeuge), Rupert Stadler (Vorstandsvorsitzender Audi AG), Herbert Diess (Markenvorstand Volkswagen Pkw), Frank Witter (Finanzen und Controlling), Matthias Müller (Vorstandsvorsitzender), Hiltrud Dorothea Werner (Integrität und Recht), Karlheinz Blessing (Personal und Organisation), Francisco Javier Garcia-Sanz (Beschaffung) und Jochem Heizmann (China) stehen am 14.03.2017 bei der Jahrespressekonferenz der Volkswagen AG in der Autostadt in Wolfsburg (Niedersachsen). Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Seit „Dieselgate“ ist bei Volkswagen vieles anders. So auch die alljährliche Bilanzpressekonferenz. Während früher Vorstandschef Martin Winterkorn bereitwillig in einer kleiner Ausstellung der neuesten Volkswagen Autos spazierte und für die Fotografen posierte, zeigt sich der Konzern seit 2016 von einer eher zurückhaltenden Seite. Eine Stellwand mit Volkswagen-Logos und eine Rednerbühne mit Logos – das war’s. Keine Autos, kaum Fotomotive. Es gab nur einen einzigen „Fototermin“: Das Gruppenfoto vom Vorstand.

Bei der Bilanzpressekonferenz war ich zusammen mit einem weiteren dpa-Fotografen. Während sich der Kollege frontal mittig stellte, wählte ich einen etwas höheren Standpunkt – einen Schritt weiter zurück. Um 9.45 Uhr stand der Vorstand dann im Blitzlichtgewitter. Matthias Müller hatte sich als Vorstandsvorsitzender genau an seine weiße Bodenmarkierung positioniert.
Ein Kollege der schreibenden Zunft kommentierte das Gruppenfoto recht passend „Irgendwie stehen die da etwas hilflos…“

 

7 – „Großer Gott, steh mir bei“

dpatopbilder – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betrachtet am 11.03.2017 in der St. Michaeliskirche in Hildesheim (Niedersachsen) das riesige Deckengemälde. Anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubiläums feiern die katholische und evangelische Kirche einen zentralen Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Termine mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel verlaufen meist ohne große Überraschung streng nach Protokoll. Es gibt vorgegebene Fotopositionen und umfassende Sicherheitschecks. Doch am 11. März verlief es alles ein bißchen anders. Beim Versöhnungsgottesdienst zum 500-jährigen Reformationsjubiläum sollte ich das klassische „Erste-Reihe-Foto“ aufnehmen. In der Kirche hatten Bundespräsident, Bundestagspräsident und Bundeskanzlerin Platz genommen. Doch während Bundespräsident Joachim Gauck und Bundestagspräsident Norbert Lammert für das Foto ganz klassich nach vorne blickten, war Kanzlerin Merkel anderweitig beschäftigt. Sie schaute nach oben.

„Was macht sie da?“ fragte eine Mitarbeiterin vom Bundespresseamt. Ganz einfach: Bundeskanzlerin Merkel betrachtete vor laufenden Kameras in aller Ruhe und voller Faszination das imposante Deckengemälde der St. Michaeliskirche in Hildesheim.
„Frau Bundekanzlerin, Frau Bundeskanzlerin“, flüsterte dann jemand vom Protokoll. Angela Merkel schaute wieder nach vorne. Klick, klick, klick – ein „ordentliches“ Erste-Reihe-Foto war fotografiert.

Im Nachhinein konnte ich die Faszination von Angela Merkel übrigens gut verstehen. Die St. Michaeliskirche und vor allem das Deckengemälde sind wirklich imposant.

 

6 – Sommerwetter 2017

Zwei Motorrollerfahrer fahren am 19.07.2017 bei einem schweren Unwetter mit Starkregen über eine überflutete Straße in Sehnde in der Region Hannover (Niedersachsen). Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Auch im Sommer 2017 gab es wieder viele Unwetter, vor allem das südliche Niedersachsen wurde getroffen. Als Fotograf braucht man da immer viel Glück – und trockene Wechselkleidung im Auto. Am Abend vom 19. Juli zog eine heftige Unwetterfront über der Region Hannover auf. Ich machte mich auf den Weg und fotografierte und filmte die aufziehende Front:

Als das Gewitter meinen Standort erreichte, wurden Straßen innerhalb kürzester Zeit geflutet, weil die Kanalisation die Regenmassen nicht aufnehmen konnte. In Sehnde begneteten mir zwei junge Mopedfahrer, die lauthals lachend immer wieder durch große Regenpfützen preschten. Beim Fotografieren und Filmen hatte ich mindestens genauso viel Spaß – und war am Ende selbst pitschnass.

Ich schickte noch aus dem Auto vor Ort die Fotos und das Videomaterial in die dpa-Redaktion. Das Videomaterial lief dann im Fernsehen u.a. beim ZDF, im NDR und bei n-tv.

 

5 – Bürgermeister Klitschko und der Panzer

dpatopbilder – Der Bürgermeister von Kiew und ehemalige Boxer Vitali Klitschko steht am 11.05.2017 bei einem Interview mit der dpa Deutsche Presse-Agentur an seinem Schreibtisch in seinem Büro im Rathaus in Kiew (Ukraine). Die ukrainische Hauptstadt Kiew ist der diesjährige Austragungsort für den Eurovision Song Contest (ESC) mit dem Finale am 13. Mai. Bürgermeister Klitschko erhofft sich durch den Song Contest einen deutlichen Imagegewinn für Kiew. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Im Mai bin ich für die dpa Deutsche Presse-Agentur eine Woche in die Ukraine zum Eurovision Song Contest gereist. Meine beiden Wortkollegen, mit denen ich eine Woche lange eine multimediale Berichterstattung aus Kiew auf die Beine stellte, hatten auch einen Interviewtermin mit Vitali Klitschko organisiert. Der ehemalige Box-Champion ist Bürgermeister von Kiew und war sozusagen Gastgeber für den Eurovision Song Contest.

Der Interviewtermin war ein Erlebnis. Nach der Begrüßung durch seine Pressesprecherin „Warum seid ihr Deutschen eigentlich immer so pünktlich?“ bot uns Klitschko mit zwinkerndem Auge selbst Getränke an: Kaffee, Tee oder Wodka? Anschließend fragte er, ob wir auf Deutsch, Englisch oder Russisch sprechen wollten. Wir führten das Interview auf Deutsch. Ich fragte ihn höflich, ob ich ihn vorab an seinem Schreibtisch fotografieren dürfte. Medienprofi Klitschko willigte sofort ein:

Der Bürgermeister von Kiew und ehemalige Boxer Vitali Klitschko sitzt am 11.05.2017 bei einem Interview mit der dpa Deutsche Presse-Agentur an seinem Schreibtisch in seinem Büro im Rathaus in Kiew (Ukraine). Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Anschließend folgte ein etwas zähes Interview. Ich fotografierte ihn noch ein einige Male beim Gestikulieren und Sprechen und trank in Ruhe meinen Tee.

Am Ende verabschiedeten wir uns. Er gab mir die Hand und fragte, ob wir nicht noch spontan ein anderes Foto machen könnten. Ein Foto ohne Jacket. „Fotografier mich nicht wie einen Beamten!“, sagte Klitschko. Er stellte sich vor seinen Schreibtisch, lächelte, witzelte und zeigte auf meine Kamera. Ich drückte einfach ab, achtete nur darauf, dass der kleine Panzer vor seinem Schreibtisch mit auf dem Foto ist. Ich hatte das Gefühl jetzt nicht den Politiker sondern den Sportler Klitschko vor der Kamera zu haben.

 

4 – Säureopfer Vanessa

dpatopbilder – Das Säureopfer Vanessa Münstermann steht am 10.02.2017 in einem Fotostudio in Hannover (Niedersachsen). Vor genau einem Jahr wurde Vanessa Münstermann von ihrem Ex-Freund mit Schwefelsäure verätzt. Anders als andere Brandopfer versteckt sich die 28-Jährige nicht, sondern gründet den Verein «AusGezeichnet», um anderen Entstellten Mut zu machen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Im Jahr 2016 erschütterte ein schreckliches Verbrechen Hannover. Ein Mann hatte seiner Ex-Freundin Schwefelsäure ins Gesicht geschüttet.
Normalerweise bekommen wir Opfer von Verbrechen nie zu Gesicht. Sie genießen als Opfer besonderen Schutz, den es natürlich zu respektieren gilt. Opfer sollen durch die Berichterstattung nicht noch einmal zum Opfer werden. Anders aber Vanessa Münstermann. Sie suchte nach der Tat schnell den Kontakt zur Öffentlichkeit. Die Fotos von ihr mit schweren Verletzungen im Krankenbett erschütterten die Menschen.

Im Laufe des Jahres wurde es dann ruhiger um Vanessa. Ich fragte mich, wie jemand wie Vanessa den Weg zurück ins Leben findet. Gemeinsam mit meinen dpa-Kollegen überlegten wir uns, dass wir für unseren multimedialen Dossierdienst „dpa-Story“ eine Reportage über Vanessa und ihren Weg in den Alltag produzieren. Passenderweise wollte Vanessa zum Jahrestag der Tat einen Verein gründen und vorstellen, der anderen Entstellten Mut macht.

Wir stellten einen Kontakt zu Vanessa her und eines Tages rief ich sie an. Wir sind im gleichen Alter, verstanden uns direkt sehr gut. Ich erklärte ihr, was ich gerne für Fotos machen wollte und schaute, wie nah sie mich mit der Kamera heran lassen wollte. „Komm doch einfach morgen mit ins Krankenhaus zu nächsten Untersuchung“, lud sie mich ein.

Gemeinsam mit meinem Fotografenkollegen Hauke-Christian Dittrich wartete ich also am nächsten Morgen um 7.30 Uhr in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Wir begleiteten Vanessa den ganzen Tag, fotografierten und filmten sie. Sie war sehr offen, auskunftsfreudig und – bei allem Schmerz, den sie ertragen musste – eine unglaublich starke junge Frau.

Neben Foto und Text bietet dpa zu einer dpa-Story auch immer Videomaterial an. Im dpa-Landesbüro in Hannover richteten wir ein kleines Fotostudio ein, in dem wir auch ein Interview mit Vanessa vor laufender Videokamera führten. Das nachfolgende kurze Making of… zeigt einige Szenen:

Hauke und ich produzierten mit unseren Nikon Kameras in FullHD 1080p sehr hochwertiges Videomaterial. So konnte dpa zur Veröffentlichung der Fotos und der Textreportage auch zehn Minuten Video-Rohmaterial anbieten. Erfreulicherweise griffen gleich mehrere TV-Sender zu. Unser Videomaterial lief noch am gleichen Tag in der ARD, im ZDF, im NDR, bei RTL und RTL2:

f

Wir konnten als Nachrichtenagentur eine spannende Geschichte erzählen – und Vanessa erreichte ihr Ziel: Sich nicht verstecken zu müssen.

 

3 – Klimawandel

dpatopbilder – Die aufgehende Sonne steht am 22.08.2017 hinter dem Steinkohlekraftwerk Mehrum bei Hohenhameln (Niedersachsen). Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Ein wunderbares Symbolbild zum Klimwandel: Die aufgehende Sonne steht exakt hinter einem Kohlekraftwerk. Hinter solch einem Foto steckt normalerweise tagelange Vorbereitungszeit und die Suche nach dem perfekten Standpunkt und Zeitpunkt. Die Betonung liegt auf „normalerweise“. Denn für mich war das Foto recht einfach gemacht. Ich wohne auf einem alten Hof zwischen Hannover und Hildesheim – und wenn ich morgens aus der Haustür komme, sehe ich am Horizont das Kohlekraftwerk Mehrum. Blickrichtung Osten, dort wo die Sonne aufgeht.
An diesem Augustmorgen war ich mit meinem einjährigen Sohn sehr früh wach – bzw. er war wach und sein Papa notgedrungen auch 🙂 Wir schauten aus dem Küchenfenster – und am Horizont sah ich, wie die Sonne genau hinter dem Kraftwerk aufging. Mein Sohnemann blieb bei seiner Mama und ich stolperte nach draußen, denn die Sonne geht sehr schnell auf. Für den perfekten Moment blieben nur wenige Sekunden. Ich veränderte noch minimal den Standort – und setzte die Sonne genau auf den Kühlturm.

 

2 – Der Wolf kehrt zurück

dpatopbilder – Der präparierte Wolf MT6 steht am 25.04.2017 in einer Werkstatt vom Landesmuseum in Hannover (Niedersachsen). Mit Nadeln wird bei der noch laufenden Präparation das Fell auf dem Unterbau fixiert. Der im vergangenen Jahr im Heidekreis in Niedersachsen getötete Wolf MT6 wird ab dem 21. Mai als Präparat in der Schau «Der Wolf. Ein Wildtier kehrt zurück» im Landesmuseum Hannover gezeigt. Im vergangenen April hatte das Land Niedersachsen den auffälligen Wolf abgeschossen. Das auch Kurti genannte Tier aus dem Munsteraner Rudel hatte sich im Heidekreis mehrfach Menschen bis auf wenige Meter genähert. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Manche Fotos bedürfen einer gewissen Vorbereitung, Recherche und journalistischer Hartnäckigkeit. Dazu gehört auch dieses Foto vom Wolf MT6 – auch bekannt als „Kurti“. Der Wolf lebte in freier Wildbahn in Deutschland, hatte sich aber wieder Menschen genähert und wurde daraufhin im April 2016 erschossen. Seit der Wiedereinwanderung der Wölfe in Deutschland war dies der erste legale gezielte Abschuss. Dazu gab es allerdings keinerlei Fotomaterial.

Der Fall sorgte für große Diskussion in der Politik. Die Rückkehr des Wolfes ist ohnehin ein großes Thema und sorgt immer wieder für mediale Berichterstattung. Als im Februar 2017 bekannt wurde, dass der Wolf als Präparat ins Landesmuseum in Hannover kommen sollte, wurde ich hellhörig. „Kurti“ sollte präpariert werden und Teil einer Ausstellung «Der Wolf. Ein Wildtier kehrt zurück» werden. Organisiert wurde die Ausstellung vom Museum zusammen mit dem Wolfsbüro des Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Ich stellte mir selbst die Frage „Wie läuft eigentlich so eine Präparation ab?“. Einige Telefonate später konnte ich den Präparator, der den Wolf MT6 präparieren würde, persönlich erreichen. Ich durfte dann zwar nicht dabei sein, als das Fell des Wolfes auf einen Unterbau gezogen wurde, aber der Präparator versprach mir, dass ich mitten im Präparationsprozess Fotos machen dürfte.

Immer wieder fragte ich mal vorsichtig nach und Ende April durfte ich den Wolf endlich fotografieren – wenn auch ohne den Präparator. „Kurti“ stand in einem Kellerraum, das Fell noch mit Nadeln auf dem Unterbau fixiert. Auch bei den Ohren musste mit künstlichen Ohrknorpel-Verstärkern nachgeholfen werden. «Sonst hätte der präparierte Wolf Schlappohren», erklärte mir die Kuratorin der Ausstellung Christiane Schilling vom Landesmuseum Hannover.

Nachdem ich dem Wolf knapp 20 Minuten in die (Glas-)Augen schauen durfte, verfasste ich einen kurzen Artikel und schickte die Fotos in die dpa-Redaktion. Es waren die ersten Fotos des ersten in Deutschland abgeschossenen Wolfes. Und das exklusiv für dpa. Noch keiner hatte den Wolf fotografieren dürfen.

Am nächsten Tag waren die Fotos in eigentlich jeder Tageszeitung in Niedersachsen gedruckt. Und auch bundesweit waren die Fotos vielfach zu sehen – u.a. in der Süddeutschen Zeitung.

 

1 – Ein Sturm und seine Folgen

dpatopbilder – In Folge des Sturmtiefs Xavier liegen am 06.10.2017 drei Bäume an der Landstraße L411 bei Rautenberg im Landkreis Hildesheim (Niedersachsen). An der Landstraße waren bei dem Sturm ein Dutzend Bäume beschädigt worden. Einzelne, stark am Wurzelwerk beschädigte, Bäume hatte ein Landwirt mit einem Radlader auf die Felder am Straßenrand gedrückt, damit sie nicht mehr auf die Straße kippen konnten. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Mein Foto des Jahres: Drei Bäume liegen nach einem Sturm an einer Landstraße – fotografiert aus der Vogelperspektive.

Noch nie habe ich für ein Foto soviel Lob und Anerkennung bekommen. Selbst zwei Monate später gratulieren mir noch Kollegen oder auch völlig Fremde zu diesem Foto. Es ist ein Bild, bei dem man zweimal hinschauen muss.

Aber der Reihe nach: Anfang Oktober fegt Sturmtief „Xavier“ über Norddeutschland hinweg, hinterlässt eine Spur der Verwüstung und sorgt leider auch für mehrere Todesopfer. Am 5. Oktober bin ich selbst im Sturm unterwegs, fotografiere am Flughafen Hannover Flugzeuge, die bei heftigsten Sturmböen teils mehrere Versuche brauchen, um zu landen. Der komplette Bahnverkehr liegt lahm.
Mit meinen dpa-Kollegen vereinbare ich, dass ich am nächsten Morgen früh losfahre, um weiteres Bildmaterial von den Folgen des Sturmes zu erstellen. Ich sitze also 5.50 Uhr im Auto und fahre los. Den ganzen Vormittag bin ich auf der Suche nach Motiven. In einem kleinen Regionalbahnhof im Landkreis Gifhorn soll ein ICE der Deutschen Bahn gestrandet sein. Auf dem Weg dorthin fallen mir die unzähligen umgestürzten und entwurzelten Bäume am Straßenrand auf. „Das könnte bestimmt cool aus der Vogelperspektive aussehen“, denke ich und bin froh, dass ich morgens die Drohne ins Auto gepackt habe. Für mein „Wunschfoto“ hätte ich gerne mehrere Bäume nebeneinander und fahre zig Kilometer quer durch Niedersachsen. Ich wohne auf dem Land an der Grenze von der Region Hannover und dem Landkreis Hildesheim und bin mir relativ schnell sicher, dass auf einem Höhenzug der Hildesheimer Börde Bäume umgestürzt sind. Auf dem Weg dorthin finde ich nur einzelne Bäume, bis ich irgendwann leicht entnervt und ziemlich hungrig zum nächstgelegenen McDonald’s aufbreche und eine kleine Landstraße im Landkreis Hildesheim entlang fahre. Und siehe da: Da liegen sie auf einmal – drei Bäume. Direkt nebeneinander.

„Das ist das Motiv“, denke ich. Ich habe das Foto aus der Luft schon im Kopf, warte aber noch mit dem Fotografieren. Die Straßenwacht verfüllt gerade noch die Löcher direkt am Straßenrand, die die entwurzelten Bäume hinterlassen haben. Ich fahre also erst einmal essen. Ohne die Arbeiter sieht das Motiv ohnehin besser aus, denke ich.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Mit meiner Drohne fliege ich später über die Bäume und fotografiere unterschiedliche Varianten des Motivs. Als ein gelbes Auto vorbeifährt weiß ich „Das ist das Foto.“ Vor Ort editiere ich das Fotomaterial noch im Auto, beschrifte es und schicke in die dpa-Fotoredaktion nach Berlin. Für mich war es bis dahin ein „ganz gutes“ Foto. Gut, aber nicht herausragend. Als ich mit meinem Fotoredakteur telefoniere, ist er ganz begeistert „Cooles Foto, Julian“.

Kaum ist das Foto in zwei verschiedenen Varianten im dpa-Bildfunk gelaufen und an unzählige Redaktionen herausgegangen, nimmt der „Wahnsinn“ (ein passendere Wort kann es nicht geben) seinen Lauf. Als erstes bekomme ich eine Mail von einer dpa-Kollegin in Berlin: „Hey Julian, überall im Newsroom machen sie sich gegenseitig auf Dein Bild aufmerksam“. Als dpa dann das Foto auch noch bei Twitter featured, steht mein Handy nicht mehr still. Und das für drei Tage.

Bis heute wurde alleine der Tweet unglaubliche 202.534 mal geklickt. Auf allen Kanälen bekomme ich dann Feedback zu dem Foto. Alle sind total begeistert – und ich bin etwas verwundert. „Das scheint wohl eine optische Täuschung zu sein, bei der man zweimal hinschauen muss“ verstehe ich so langsam. Für mich sind die Begebenheiten des Fotomotives ja vollkommen klar.

Die Samstagausgaben der Tageszeitungen sind dann voll mit meinem Fotomotiv:

Mein Nachbar meldet sich vom Flughafen in Peking. „Hey Julian, ich habe hier in China gerade deine drei Bäume in der Zeitung gefunden.“
Am Sonntag berichtet dann die Hildesheimer Allgemeine, dass die Bäume zwar Opfer des Sturms „Xavier“ geworden sind und im Sturm schwer beschädigt und entwurzelt wurden, aber letztlich von einem Landwirt zur Gefahrenabwehr mit einem Radlader auf das Feld gedrückt worden sind. Die dpa berichtete dieses wichtige Detail natürlich auch noch. Unterwegs hatte ich 100 entwurzelte Bäume an den Straßenrändern gesehen. Und ausgerechnet bei diesen drei Bäumen sollte ein Landwirt beteiligt gewesen sein? Verrückt. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen.

Der Begeisterung für das Foto tat das natürlich keinen Abbruch. Aus den USA bekam ich eine Anfrage von petapixel.com, einer der größten Foto-Webseiten der Welt. Sie wollte über mein Foto berichten.

Im Nachhinein bleibt mal wieder eine Sache hängen: Für manches Foto braucht man einfach sehr viel Glück. Und Hartnäckigkeit. An dem Tag bin insgesamt über 200 Kilometern an Landstraßen entlang gefahren, bis ich endlich „mein“ Motiv gefunden hatte.

Auch 2018 halte ich wieder die Augen offen. Ich freu mich drauf!

8 Kommentare

  1. Der Blick auf das Foto “Klimawandel“ erzeugt jedes Mal einen Gänsehaut-Moment angesichts der dabei aufkommenden Gedanken und Sorgen um unsere, soll heißen um die Zukunft der Erde. Gleichzeitig ist es aber auch Ansporn nicht aufzugeben im Engagement gegen die “Klima-Wandel-Leugner/-Verniedlicher“!

  2. Ich habe Deine Fotos das erste Mal beim „Deutschen Jugendfotopreis“ 2002 gesehen, also vor 15 Jahren. Ich bin immer noch beeindruckt, wie Du Jahr für Jahr unglaublich kreative Motive bei manchmal doch eher „drögen“ Presseaufträgen rausholst.

    Mittlerweile denke ich mir oft, wenn die Bebilderung einer PK besonders originell ist, „das ist bestimmt von Stratenschulte“ und meist habe ich Recht 🙂

    Weiter so!

  3. Hallo,

    vielen Dank dafür, dass du trotz deines stressigen Jobs noch die Zeit findest deine Bilder und Geschichten hier im Blog zu teilen. Ich freue mich über jeden deiner Beiträge hier sehr! Sie sind immer wieder einer Inspiration! Genieße deine Elternzeit und bleib mit deinem Elan bei der Sache, du machst einen ganz tollen Job! Schöne Feiertage und ein kreatives & motivreiches neues Jahr!

    Freundliche Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.