Porträtfotos von Holocaust-Überlebenden: “Ich fühle heute Leere, Schmerz und Traurigkeit.”

Susanna Christensen, Überlebende des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, posiert am 25.04.2015 in der Gedenkstätte Bergen-Belsen (Niedersachsen) für ein Porträtfoto. Am 26. April 2015 findet die Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen statt. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Ich hatte selten Arbeitstage, die so sehr geprägt waren von bewegenden Einzelschicksalen und von unvorstellbaren Grausamkeiten, wie die Tage der letzten Woche. Mit dem Auschwitz-Prozess in Lüneburg gegen den SS-Mann Oskar Gröning und dem 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen habe ich gleich zwei Themen für die dpa Deutsche Presse-Agentur fotografiert, bei denen man direkt mit den Schrecken des Holocaust konfrontriert wurde. In diesem Blogeintrag erzähle ich von meinen Erlebnissen der letzten Tage.

“Sind Sie ein Überlebender von Bergen-Belsen?” – mit dieser Frage – entweder auf deutsch oder englisch gestellt – kommen wir schnell ins Gespräch mit den älteren Menschen, die an diesem verregneten Samstagmorgen zu der Gedenkstätte Bergen-Belsen in der Nähe von Celle (Niedersachsen) gekommen sind. Zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen sind Dutzende Überlebende aus der ganzen Welt angereist. Unsere Idee ist es, einige von Ihnen zu porträtieren. Zusammen mit meinen jungen freien dpa-Kollegen Hauke-Christian Dittrich (http://haukedittrich.de/aktuelles/70-jahrestag-befreiung-kz-bergen-belsen/) bauen wir zwei Blitzanlagen auf, um die Überlebenden einmal im Ganzkörper-Porträt und einmal nah zu fotografieren.

Die Überlebenden lassen sich gerne fotografieren. Ich fotografiere mit einem Blitzkopf samt großer Softbox, einer Nikon D4 und einem 50mm Objektiv. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, als Hintergrund das heutige Bergen-Belsen zu zeigen. Eine Überlebende macht uns darauf aufmerksam, dass hier heute alles anders ist: “Im Krieg war aber nichts grün hier. Ich erinnere mich an Schnee und Dreck”, sagt Sara Atzmon. Der Ort sieht nach 70 Jahren anders aus. Auch die Menschen sind 70 Jahre älter geworden, aber ihre Erinnerungen an jene Tage sind so präsent, als sei es gestern gewesen.

Das Wetter bei unseren Fotoaufnahmen unter freien Himmel ist alles andere als gut. “Stört Sie der Regen, wenn ich Sie jetzt fotografieren möchte?”, frage ich einen Mann. “Regen war damals unsere kleinste Sorge. Fotografier doch einfach so, wie es jetzt ist”, antwortet er.

Ich lasse die Männer und Frauen auf einen Stuhl Platz nehmen und bitte sie, rechts an der Kamera vorbeizuschauen. Nur einer von elf Überlebenden lächelt. Manch ein Gesichtsausdruck spiegelt wohl wirklich wieder, wie den Holocaust-Überlebenden zumute ist.

Evelyne Zylberman, Überlebende des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, posiert am 25.04.2015 in der Gedenkstätte Bergen-Belsen (Niedersachsen) für ein Porträtfoto. Am 26. April 2015 findet die Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen statt. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Alle Überlebenden erzählen uns – wenn auch nur in Kurzfassungen – ihre erschütternden Erlebnisse aus dem Holocaust. Rudi Oppenheimer (83) hat seine Eltern in Bergen-Belsen verloren. Das Gespräch mit ihm bleibt mir besonders in Erinnerung: “Ich hasse die Deutschen nicht. Aber vergeben kann ich ihnen auch nicht.”

Insgesamt porträtieren wir elf Männer und Frauen im Alter von 72 bis 90 Jahren, die als Kinder oder junge Erwachsene im Konzentrationslager gewesen sind. Allen stellen wir die Frage: “Wie fühlt es sich an, nach 70 Jahren wieder in Bergen-Belsen zu sein?”
Die Antworten auf diese Frage und die elf Porträtfotos werden dann von der dpa veröffentlicht.

KOMBO – Überlebende des Konzentrationslagers Bergen-Belsen posieren am 25.04.2015 in der Gedenkstätte Bergen-Belsen (Niedersachsen) für Porträtfotos – von oben links nach unten rechts: Albrecht Weinberg, Peter Lantos, Rudi Oppenheimer, Michael Gelber, Evelyne Zylberman, Isaac Borojovich, Susanna Christensen, Mala Tribich und Teresa Stiland. Am 26. April 2015 findet die Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen statt. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Einige Überlebende bedanken sich bei uns, “dass wir Sie im Porträt zeigen werden und ein Teil ihrer Geschichte weitererzählen werden.” Viele von Ihnen wollen auf ihr Schicksal und die Schrecken des Holocaust aufmerksam machen. Sie halten regelmäßig Vorträge, besuchen Schulen und erzählen Schülerinnen und Schüler ihre erschütternden Zeitzeugenberichte. “Das Wichtigste ist, dass so etwas nie wieder passiert”, sagen uns mehrere Überlebende.

Bereits am Freitag habe ich bei den Vorbereitungen für die Porträtaufnahmen eine Frau fotografiert, die ebenfalls Bergen-Belsen als Kind überlebt hat. Sie zeigte mir Bilder ihrer Familie aus glücklichen Tagen vor dem Krieg und Kinderfotos von sich selbst vor und nach dem Krieg.

Die Holocaust-Überlebende Rachel Rubin steht am 24.04.2015 in der Gedenkstätte Bergen-Belsen (Niedersachsen) und zeigt ein Foto, auf dem sie kurz nach ihrer Befreiung im Jahr 1945 als 14-jähriges Mädchen zu ist. Rachel Rubin überlebte die KZ Auschwitz und Bergen-Belsen, verlor aber ihre Eltern, ihre beiden Brüder und ihre Schwester. Am 26. April 2015 findet die Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslager Bergen-Belsen statt. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Sie verlor ihre ganze Familie – Vater, Mutter, beide Brüder und ihre Schwester. “Die schlimmste Erinnerung an den Krieg ist die Einsamkeit”, sagt sie mir. Dann nimmt sie mich plötzlich in den Arm. Auch ihre beiden Söhne bedanken sich bei mir.
Dass es für jemanden so sehr von Bedeutung ist, dass ich sie fotografiere und ihre Geschichte erzählen werde, habe ich bis dahin so nicht erlebt.

Ähnliches erlebte ich schon zu Beginn der Woche, als ich Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz traf. In Lüneburg begann der Auschwitz-Prozess gegen den heutigen 93-jährigen Oskar Gröning, der als SS-Mann in Auschwitz als eine Art “Buchhalter” tätig gewesen ist. Die Anklage wirft ihm Beihilfe zum Mord im Vernichtungslager Auschwitz vor – in mindestens 300.000 Fällen.

Der Angeklagte Oskar Gröning sitzt am 21.04.2015 im Gerichtsaal in Lüneburg (Niedersachsen). 70 Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur steht der frühere SS-Mann Oskar Gröning in Lüneburg vor Gericht.Die Anklage wirft ihm Beihilfe zum Mord im Vernichtungslager Auschwitz vor – in mindestens 300.000 Fällen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Der Prozess fand unter enormem internationalen Medieninteresse statt. Schon bei der Pressekonferenz einen Tag vor Prozessbeginn waren Fernsehteams aus der ganzen Welt da.

Aufgrund des großen Medieninteresses wurden für den eigentlichen Prozess sogenannte Pools für die Bildmedien gebildet. Das heißt, dass stellvertretend für alle Medien ein öffentlich-rechtliches, ein privates, ein internationales Fernsehteam sowie zwei Fotografen der großen Nachrichtenagenturen und zwei freie Fotografen Aufnahmen im Gerichtssaal bis kurz vor Beginn der Verhandlung machen dürfen. Alle Pool-Vertreter müssen ihr Material dann mit der Konkurrenz teilen.
dpa und AFP hatten den Fotopool der Nachrichtenagenturen. Für AFP fotografierte mein Kollege Ronny Hartmann, für dpa war ich selbst im Gerichtssaal. Alle Fotos, die wir ausgewählt hatten und von uns verwendet wurden, bekamen dann neben dpa und AFP auch die Nachrichtenagenturen Associated Press (AP) und Reuters.

Der Angeklagte Oskar Gröning sitzt am 23.04.2015 im Gerichtsaal in Lüneburg (Niedersachsen). 70 Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur steht der frühere SS-Mann Oskar Gröning in Lüneburg vor Gericht.Die Anklage wirft ihm Beihilfe zum Mord im Vernichtungslager Auschwitz vor – in mindestens 300.000 Fällen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

 

Der Angeklagte Oskar Gröning sitzt am 23.04.2015 im Gerichtsaal in Lüneburg (Niedersachsen). 70 Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur steht der frühere SS-Mann Oskar Gröning in Lüneburg vor Gericht.Die Anklage wirft ihm Beihilfe zum Mord im Vernichtungslager Auschwitz vor – in mindestens 300.000 Fällen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Die Fotos von Ronny und mir wurden dank der Verbreitung über die vier größten Nachrichtenagenturen der Welt von Medien auf dem kompletten Globus verwendet – und natürlich auch von Tageszeitungen, Online-Medien, Magazinen und Fernsehsendern in Deutschland. Meine Fotos waren so zum Beispiel auch in der ARD Tagesschau und bei den ZDF Heute-Nachrichten zu sehen:

Großes Interesse besteht beim Auschwitz-Prozess auch an Bildern von Überlebenden, die im Prozess gegen Gröning größtenteils als Nebenkläger und/oder Zeugen auftreten. Besonders beeindruckt hat mich die 89-jährige Eva Pusztai-Fahidi, die mit ihrer Enkelin den Prozess verfolgt.

Die Auschwitz-Überlebende Eva Pusztai-Fahidi (r) und ihre Enkelin Luca Hartai sitzen am 21.04.2015 im Gerichtssaal in Lüneburg (Niedersachsen). 70 Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur steht hier der frühere SS-Mann Oskar Gröning in Lüneburg vor Gericht. Die Anklage wirft ihm Beihilfe zum Mord im Vernichtungslager Auschwitz vor – in mindestens 300.000 Fällen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Eva Pusztai-Fahidi sagt gerade in einem Interview mit der dpa Deutschen Presse-Agentur “«Man wollte mir auch die Seele nehmen, das habe ich nicht zugelassen». Nur deshalb habe sie überleben können.” (via focus.de)

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