Ski, Steigeisen, Fotorucksack – Paralympics Sotschi 2014

Vom 5. bis 18. März 2014 war ich für die dpa Deutsche Presse-Agentur bei den Winter Paralympics im russischen Sotschi. In diesem Blogeintrag berichte ich darüber, wie ich elf Tage lang sämtliche Ski-Alpin-Wettwerbe fotografiert habe.

Anna Schaffelhuber of Germany in action during the Women’s Super G – Sitting in Rosa Khutor Alpine Center at the Sochi 2014 Paralympic Winter Games, Krasnaya Polyana, Russia, 10 March 2014. Schaffelhuber won the Gold Medal. Photo: Julian Stratenschulte/dpa

Ski-Alpin zählt als eine der Königsdiziplinen der Sportfotografie. Es ist nicht nur technisch und fotografisch überaus anspruchsvoll, sondern vor allem körperlich sehr, sehr anstrengend. Es gibt Fotokollegen, die sich über Jahre hinweg auf diese Art der Fotografie spezialisiert haben, den FIS Weltcup regelmäßig fotografieren und auch bei Olympia an der Piste stehen. Ich gehöre nicht zu diesen erfahrenen Kollegen, will aber mit diesem Blogeintrag (auch im Respekt gegenüber diesen Kollegen) einmal zeigen, wie die Actionaufnahmen entstehen, bei dem Skifahrer beim Downhill, Super G und Riesenslalom den Berg hinunterrasen, springen und den Schnee hochwirbeln.

Schon Tage vor dem Abflug nach Russland begann ich mit den Vorbereitungen. Neben meiner Fotoausrüstung (zwei Nikon D4, eine Nikon D800, Objektive 24-70mm, 70-200mm, 80-400mm, 600mm, Converter, Blitz, Zubehör, Laptop usw.) habe ich meine komplette Ski-Ausrüstung (Ski, Skischuhe, Stöcke, Helm, Skibrille, Steigeisen etc.) mitgenommen. Dazu kamen diverse Fototaschen und natürlich Wäsche für 13 Tage wie dünne Fleece-Jacken, Sportshirts, dünne Isolationsjacke, Hardshelljacke, dicke Daunenjacke usw.. Das Packen hat Stunden gedauert:

Am Ende passte alles in zwei große Reisekoffer, einen Skisack und einen kleinen Fotorucksack für das Handgepäck. Alles zusammen hat 67 Kilogramm gewogen. Es ist mir bis jetzt ein Rätsel, aber ich habe nur einmal auf dem Hinflug vier Kilo Übergepäck bezahlt, sonst nichts. Wir sind mit einer russischen Airline von Hannover über Moskau nach Sotschi geflogen, bei der man kostenlos seine Skiausrüstung (Ski plus eine Tasche bis 20 kg mit Skisachen) mitnehmen darf. Ich hatte also zwei 20 Kilo Taschen, den Skisack und einen kleinen 18 kg schweren Fotorucksack (Handgepäck, was sowieso nie gewogen wird).

Insgesamt sind wir von der dpa mit vier Kollegen nach Russland gereist. Neben zwei Sportredakteuren, die sich um die Textberichterstattung gekümmert haben, war noch mein dpa-Fotokollege Jan Woitas mit dabei.

Bei den Winter Paralympics gibt es nur fünf Sportarten: Ski Alpin, Langlauf, Biathlon, Sledgehockey und Rollstuhlcurling. Für Deutschland reisten gerade einmal 13 Athleten nach Sotschi. Die Sledgehockey- und Rollstuhlcurlingmannschaften hatten sich nicht qualifiziert, sodass wir uns voll auf Ski Alpin und Ski Nordisch konzentrieren konnte. Wir wollten über die Paralympics aus deutscher Sicht berichten, also lag unser Hauptaugenmerk auf den deutschen Athleten. Hinzu kommen Symbolfotos zu den Paralympics, die die Besonderheiten des winterlichen Behindertensport zeigen, sowie Fotos von besonderen Athleten – beispielsweise der jüngste und der älteste Athlet oder auch prominente Starter wie der Weltklasseskifahrer Markus Lanzinger aus Österreich, der bei einem Weltcuprennen verünglückte, einen Unterschenkel verlor und jetzt erstmals bei den Paralympics startete.

Für die dpa durfte ich schon 2010 zu den Winter Paralympics nach Vancouver und 2012 zu den Paralympischen Sommerspielen in London. Das half mir ungemein, da ich mit den Besonderheiten des Behindertensports mittlerweile einigermaßen vertraut bin.

Nach unserer Ankunft am 5. März brauchten wir den ersten Tag zur Vorbereitung: Akkreditierungen validieren, Foto-Sleeves (Armbänder) abholen, Shuttle-Bus-Systeme verstehen, Wettkampfstätten anschauen, mit den Venue-Photo-Manager reden (jede Wettkampfstätte hat einen Verantwortlichen für die Fotografen).
Mein dpa-Fotokollegen Jan kümmerte sich hauptsächlich um die Langlauf- und Biathlon-Wettkämpfe, ich um Ski Alpin.

Der erste richtige Arbeitstag begann dann morgens um 6.30 Uhr (Training Ski Alpin) und endete nach der Eröffnungsfeier in Sotschi um 0.00 Uhr am Hotel. Hinzu kam anfangs die Zeitumstellung von minus drei Stunden. Der Wecker klingelte um 6.30 Uhr Ortszeit, meine innere Uhr war aber noch auf deutsche Zeit 3.30 Uhr eingestellt ;-)

Am nächsten Morgen (8. März) begannen dann die Wettbewerbe. Vom Photo-Manager hatte ich eine FOP-Akkreditierung (Field of Play) für Ski-Alpin bekommen – ich durfte also auch an der Piste fotografieren. Dafür gibt es strikte Regeln: Man muss ein erfahrener Skifahrer sein, man darf niemals einfach die Piste kreuzen und darf direkt an der Piste innerhalb der Fangzäune nur an vorher abgesprochenen Fotopositionen stehen. An der Piste sind Steigeisen Pflicht (damit man nicht ausrutscht und auf die Piste schlittert). Außerhalb der Fangzäune darf man theoretisch überall stehen. Man muss aber erstmal Positionen finden, bei denen man über die Fangzäune hinweg auf die Piste fotografieren kann.
Außerdem soll man eine Stunde vor Start auf seinen Fotoposition stehen, also um 9.00 Uhr, wenn um 10.00 Uhr der erste Skifahrer startet.

Ich nahm also fast immer den Shuttle-Bus (Haltestelle direkt am Hotel) um 7.30 Uhr hoch zum Rosa Khutor Alpin Center (Fahrtzeit 28 Minuten). Mein Skiausrüstung lagerte ich im Presse-Zentrum. Um kurz nach 8.00 Uhr startete ich also mit meinem Fotorucksack samt Steigeisen und Ski zum Lift. Manchmal ist es erlaubt, direkt am Pistenrand auf die Fotopostionen zu fahren. Auf der Piste lag aber fast kein Schnee mehr, sodass wir Fotografen ausschließlich die “Technical Slopes” (mehr oder weniger parallel zur richtigen Piste verlaufende Piste) nutzen mussten. Dort lag aber teilweise kein Schnee mehr, sodass das morgendliche Erreichen der Fotoposition zum Abenteuer wurde. Der nachfolgende Pistenplan zeigt eingezeichnete Fotopositionen, sowie teilweise die Nebenpisten.

Am ersten Wettkampftag stand sofort der Downhill auf dem Programm. Es gibt zwei Sprünge an der Strecke. Dies sind zwar die anspruchsvollsten Fotopositionen, aber auch die Spektakulärsten.

Ich brauchte 45 Minuten bis zu meiner Position. Es ist nicht gerade angenehm, mit einem 20 Kilogramm schweren Fotorucksack (zwei Kameras, 600mm Objektiv, 80-400mm Objektiv, Einbeinstativ, Steigeisen) Ski zu fahren:

Nachdem ich 500 Höhenmeter hinab per Ski zurückgelegt hatte, musste ich die Ski abschnallen, einen steilen Berg hinter dem Fangzaun mit Steigeisen absteigen, dann am Ende des Fangzauns meine Ski ablegen, um mit den Steigeisen zur Fotoposition aufzusteigen. Die Fotoposition war mit einem “Air Fence” (einer Schutzwand) ausgestattet. Ich sicherte meinen Kamerarucksack mit Karabinerhacken, legte mich in den Schnee und sah erstmal Sterne. Ich war nassgeschwitzt und fix und fertig :)

Kurz nach mir kam ein Japaner an der Fotoposition an. Der junge Fotograf war ohne Ski unterwegs und den kompletten Berg mit Steigeisen hochgelaufen. Er brauchte 90 Minuten und kollabierte dann fast beim Erreichen der Fotoposition:Und dann ging es endlich los. Unsere Position war direkt am unteren Ende des Sprungs. Auf dem nachfolgenden TV-Bild bin ich klein zu sehen:

Im nachfolgenden Foto ist der Bereich der Piste markiert, in dem die Skifahrer über den Vorsprung geschossen kommen. Der kleine blaue Rahmen entspricht ca. dem Bildwinkel von einem 600mm Teleobjektiv:

Das Problem ist nur: Man weiß nicht genau, wann die Skifahrer angeschossen kommen. Manchmal hört man ein leichtes Rauschen, manchmal gibt es Helfer mit Streckenfunk, die zumindestens Bescheid sagen können, wenn ein Skifahrer gestartet ist. Manchmal sieht man Helfer am Pistenrand, die sich umdrehen, wenn der Skifahrer kommt, manchmal muss man aber schlichtweg warten, durch die Kamera schauen und abdrücken, wenn der Skifahrer angeflogen kommt. Das alles passiert in einem Sekundenbruchteil. Hinzu kommt, dass man den Skifahrer erstmal fokussieren muss. Schließlich soll der Fahrer scharf sein und nicht der Baum im Hintergrund. Man kommt da ziemlich ins Schwitzen. Ein Trick ist, auf eine Stelle der Piste vor-zu-fokussieren, eine hohe Blende von z.B. 16 wählen und im richtigen Moment einfach nur noch abzudrücken und die Kamera 10 Bilder pro Sekunde schießen zu lassen. Meist hat man dann zwei, drei Fotos im Schärfebereich.

Von vielen Skifahrer bekam ich ein, zwei Fotos vor dem freigestellten Himmel und dann noch zwei, drei Motive vor den Bäumen. Einige Fahrer verpasste ich komplett, manche Fotos waren unscharf. Aber das Wichtigste: Alle deutschen Starter hatte ich einigermaßen gut fotografiert :)

Der nachfolgende Skifahrer ist übrigens blind, ein Guide fährt mit einem Megafon vor ihm und gibt ihm Anweisungen wie links, rechts, Sprung usw. Wenn man das einmal erlebt hat, glaubt man seinen Augen kaum:

Mark Bathum tries to handle a jump with the acoustic signal of his guide (not seen) during the Men’s Downhill – Visually Impaired in Rosa Khutor Alpine Center at the Sochi 2014 Paralympic Winter Games, Krasnaya Polyana, Russia, 08 March 2014. Photo: Julian Stratenschulte/dpa

Neben spektakulären Sprüngen war der Downhill gekennzeichnet von dramatischen Stürzen. Diese zu Fotografieren ist ebenfalls sehr schwer, weil die Piste 1,5 km lang ist und man eben nur an einer Position stehen kann. Zudem fotografierte ich mit dem recht unhandlichen 600mm Objektiv:

Als der deutsche Monoskifahrer Franz Hanfstingel angeschossen kam, verlor er die Kontrolle, überschlug sich und knallte in den Fangzaun. Das ganze dauerte keine drei Sekunden. Ich fotografierte den Sprung, riss die Kamera mit und versuchte auch den Unfall zu fotografieren:

Es waren spektakuläre Fotos dabei, leider nicht 100% scharf, trotz 1/2500 sec Verschlusszeit:

Franz Hanfstingl of Germany crashes during the Men’s Downhill – Sitting in Rosa Khutor Alpine Center at the Sochi 2014 Paralympic Winter Games, Krasnaya Polyana, Russia, 08 March 2014. Photo: Julian Stratenschulte/dpa

Der Downhill dauerte mehrere Stunden wegen der vielen Stürze. Im Rucksack hatte ich auch Wasser, Schokoriegel und Bananen dabei. Am Ende war ich also einigermaßen gestärkt, denn ich musste nach Rennende ja auch wieder ins Ziel. Unsere Piste hielt genau fünfhundert Meter, dann war plötzlich kein Schnee mehr da:

Warum man die Olympischen Spiele und Paralympics an einen nicht 100% schneesicheren Ort vergibt, bleibt mir immer noch ein Rätsel.

Im Pressezentrum angekommen sichtete ich mein Material, suchte Fotos aus, bearbeitete und beschrifte sie und schickte die Bilder in die dpa-Fotoredaktion nach Berlin. Zur “Belohnung” gab es dann sauteures “Essen” im Pressezentrum:

Ich bin echt nicht zimperlich, wenn es ums Essen geht, aber das war wahrhaftig kein kulinarisches Highlight ;-)

Abends folgte dann noch die Medaillenzeromonie auf der “Medals Plaza”, die direkt vor unserem Hotel lag:

Anna Schaffelhuber of Germany celebrates her Gold Medal for the Women’s Super G – Sitting at the Sochi 2014 Paralympic Winter Games, Krasnaya Polyana, Russia, 10 March 2014. Photo: Julian Stratenschulte/dpa

Anna Schaffelhuber of Germany bites her third Gold Medal after the Medal Ceremony for the Women’s Ski Alpin Slalom – Sitting at the Sochi 2014 Paralympic Winter Games, Krasnaya Polyana, Russia, 13 March 2014. Photo: Julian Stratenschulte/dpa

Anschließend waren wir relativ oft abends im deutschen Haus und konnten uns dort am Buffett sattessen. Ein Kollege sagte mal “Julian, du frisst hier wie ein Mähdrescher”. Irgendwo musste ich mir die Energie für die kommenden neun Tage ja herholen, denn ich ging jeden Morgen wieder an die Piste.

Man muss sich das so vorstellen, als wenn man elf Tage am Stück jeden Tag richtig körperlich anstrengenden Sport macht – ohne auch nur einen Ruhetag zu haben. Es sind lange Arbeitstage, aber es macht natürlich auch Spaß und ich bin jeden Tag auf’s Neue motiviert gewesen.

Frederic Francois of France in action during the Men’s Giant Slalom – Sitting in Rosa Khutor Alpine Center at the Sochi 2014 Paralympic Winter Games, Krasnaya Polyana, Russia, 15 March 2014. Photo: Julian Stratenschulte/dpa

Anna-Lena Forster of Germany is seen at the finish line next to a snowman during the second Run of Women’s Slalom – Sitting in Rosa Khutor Alpine Center at the Sochi 2014 Paralympic Winter Games, Krasnaya Polyana, Russia, 12 March 2014. Photo: Julian Stratenschulte/dpa

Ralph Green of USA in action during the Men’s Giant Slalom – Standing in Rosa Khutor Alpine Center at the Sochi 2014 Paralympic Winter Games, Krasnaya Polyana, Russia, 15 March 2014. Photo: Julian Stratenschulte/dpa

Zum Ende der Paralympics wurde das Wetter auch nochmal schöner. Endlich gab es starke Kontraste und Schatten:

Allison Jones of USA competes during the Women’s Giant Slalom – Standing at Rosa Khutor Alpine Center at the Sochi 2014 Paralympic Winter Games, Krasnaya Polyana, Russia, 16 March 2014. Photo: Julian Stratenschulte/dpa

Ich fand noch eine Fotoposition, bei dem man zwei Motive direkt hintereinander an zwei Toren fotografieren konnte. Am Pistenrand blühten bereichts die Frühlingsblumen. Wir nannten die Spiele nur die “Paralympic Spring Games” ;-)

Die Hauptpisten, auf denen keine Wettbewerbe mehr stattfanden, durften dann auch von uns Fotografen genutzt werden, um wieder ins Tal zu kommen. Der Zielsprung vom Downhill ist wirklich steil. Da würde ich niemals “schuss” runterfahren. Bei den Paralympics machen das aber sogar Blinde und Einbeinige…

Ich werde oft gefragt, warum ich denn die Paralympics fotografiere und nicht bei Olympia. Seit ich 2010 in Kanada war, bin ich vom Behindertensport absolut begeistert. Die Athleten verdienen den vollsten Respekt. Viele von ihnen habe Schicksalschläge erlebt, aber trainieren jetzt unter schwierigsten Bedingungen, um bei den Paralympics dabei sein zu können und vielleicht sogar eine Medaille zu gewinnen. Diese Sportler kennenlernen zu dürfen, ist beeindruckend.

Hinzu kommt, dass es bei den Paralympics bei weitem nicht so viele Fotografen gibt wie bei Olympia, und man kann so viel einfacher arbeiten und hat viel mehr kreative Möglichkeiten. Ich mag es nicht, in einem Pulk von 50 Fotografen zu stehen, die an der Ziellinie fast die identischen Bilder machen.

Und man lernt die Athleten auch wirklich persönlich kennen. Man bekommt – ähnlich wie beim Lokalsport und Amateursport – einen anderen Zugang zu dem Sport und den Sportlern.

Nach dem letzten Wettkampftag machten Jan und ich so auch noch ein gemeinsames Foto von der fünfmaligen deutschen Medaillengewinnerin Anna Schaffelhuber:

Danach hieß auch direkt “Packen”. Unser Rückflug ging am Montagmorgen um 6.40 Uhr. Wir mussten den Shuttle-Bus um 3.45 Uhr nehmen. Jan und ich waren vollkommen k.o., als wir im Flieger Richtung Heimat saßen.

In der dpa-Redaktion in Hannover schaute ich dann zumindestens die niedersächischen Tageszeitungen nach Abdrucken von den Paralympics durch. Die Zeitungen waren eine Woche lange voll mit den Fotos von Jan und mir. Es ein schönes Gefühl zu wissen, dass sich all die Anstrengungen gelohnt haben :)

ZUR AUSWAHL MEINER LIEBLINGSBILDER VON DEN PARALMPICS:
http://www.stratenschulte.de/sochi/paralympics.php

 

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