Ein Bild und seine Geschichte: Der Wulff-Kuss

Ex-Bundespräsident Christian Wulff und Bettina Wulff begrüߟen sich am 12.12.2013 im Landgericht in Hannover (Niedersachsen). Der ehemalige Bundespräsident Wulff muss sich wegen Vorteilsannahme verantworten. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Der heutige Blick auf die Tageszeitungen freut mich. Auf unzähligen Titelseiten finden sich meine dpa-Fotos von Bettina und Christian Wulff auf dem Flur des Landgerichts in Hannover:

Wieviel Glück hinter den Fotos steckt und warum meine Kollegen Jochen Lübke und Peter Steffen genauso großen Anteil am Abdruckerfolg haben, erzähle ich in diesem Blog-Eintrag.

Im Prozess gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff sollte der 12. Dezember der spannendste Prozesstag werden: Seine Frau Bettina war als Zeugin geladen.

Da wir nur zum Auftakt um 9.00 Uhr im Gerichtssaal fotografieren durften und Bettina Wulff um 10.30 Uhr als Zeugin geladen war, haben wir den Prozesstag mit gleich drei dpa-Fotografen besetzt. Wir positionierten uns an allen Vorder- und Hinter-Eingängen des Landgerichts und warteten auf die Ex-First-Lady, die bei der Ankunft dann doch den Vordereingang wählte. Mein Kollege Jochen Lübke hatte die Bilder im Kasten, ich stand am Hintereingang ohne ein einziges Foto. “Sei es drum, Jochen hat ja die Bilder”, dachte ich mir.

Gemeinsam mit einem Dutzend anderer Fotografen standen wir dann alle gemeinsam auf dem Vorplatz des Landgerichts, die Objektive Richtung 1. Etage gerichtet. Dort ist der Schwurgerichtsaal 127. Bettina Wulff musste den Gang an der Fensterfront entlang gehen, um zum Gerichtsaal zu gelangen. Jochen Lübke und Peter Steffen standen recht mittig. Ich wählte also einen anderen Standpunkt und wollte ein eher künstlerisches Foto mit einer Spiegelung einer Baumkrone in der Fensterscheibe fotografieren, wenn Bettina Wulff den Gang entlang schreitet. An meinem Standpunkt war ich alleine, keiner stand so steil zur Fensterfront.

In allen Fenstern spiegelten sich aus meiner Perspektive Bäume und Häuser. Nur ein Fenster, das ganz linke, war fast ohne Spiegelungen.
Plötzlich stand Christian Wulff genau hinter diesem Fenster. Ich nahm die Kamera hoch und sah Bettina Wulff von links ins Bild kommen. Ich drückte den Auslöser durch. Die Kamera ratterte. Die Wulffs begrüßten sich. Küsschen links, Küsschen rechts. Nach zwei Sekunden war die Szene vorbei. 20 Fotos habe ich aufgenommen:

Fotografiert habe ich mit einer Nikon D4 und 70-200mm Objektiv. Die Belichtung hatte ich vorher manuell eingestellt: ISO 800 – F/4 – 1/400 sec. Jetzt hieß nur noch Daumen drücken: Stimmt die Schärfe? Ich hatte Glück: Die Szene war scharf, der Autofocus hatte nicht auf die Spiegelung scharf gestellt.

Ich ging zu meinen Kollegen Jochen Lübke und Peter Steffen. Beide standen zu weit rechts, hatten die Szene nur mit störenden Fensterrahmen oder Betonsäulen fotografiert.

Die Kollegen der anderen Nachrichtenagenturen hatten ebenfalls größtenteils Pech: Entweder ungünstiger Standpunkt oder ungünstige Spiegelungen.

Ich hatte schlichtweg Glück.

In den Medien wurde heute viel gemutmaßt, ob die Begrüßungsszene inszeniert war. Die Wulffs hätten sich überall im Gericht begrüßen können, ohne dass eine Kamera es je mitbekommen hätte. Sie standen aber genau an der Fensterfront, an denen Dutzende Fotografen warteten. Da fällt es schwer, an Zufall zu glauben.

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